Weltwoche N°37 | 2007
Zu Tisch
Tafelmeditation
Von Julian Schütt – Wir müssen dem Wochenende Sorge tragen, hat uns der heilige Vater eben wieder ermahnt, damit die freie Zeit nicht zur leeren Zeit wird. Kurzatmige Politiker und Journalisten haben den Aufruf gleich als Manifest gegen die Liberalisierung der sonntäglichen Ladenöffnungszeiten missdeutet. Aber hat der Papst nicht eher an unser leibliches Wohl gedacht? An die Schwierigkeit, in unseren urbanen Zentren einen Ort zu finden, an dem sich am Wochenende nicht nur ein Abend-, sondern auch ein würdiges Mittagmahl abhalten lässt. In Zürich ist die Situation besonders dramatisch. Besonders am Samstagmittag, wenn Gourmets erfahrungsgemäss für Tafelmeditationen am empfänglichsten wären, finden sie in der grössten Schweizer Stadt kaum ein ambitiöses Restaurant, das geöffnet hat. Also müssen sie hinaus aufs Land, wo es allerdings Orte genug gibt, um die provinzielle City zu vergessen.
Nach nur dreiviertelstündiger Velofahrt erreiche ich den „Sternen“ in Wangen bei Dübendorf. In dem ehemaligen Badehaus kocht mit Matthias Brunner einer, der einst ein dreijähriges Stahlbad beim Jahrhundertkoch Fredy Girardet genossen hat. Damit sind ein hoher handwerklicher Level und eine wohltuende Gleichgültigkeit gegenüber modischem Firlefanz garantiert. Vor zwei Jahren legten Matthias Brunner und seine Frau Bettina, die eine relaxte Gastgeberin ist, im „Sternen“ richtig los. In der alten Gaststube kann man einfachere Gerichte zu sich nehmen oder nur etwas trinken, während im umgebauten Badgewölbe hervorragende Menüs aufgetragen werden.
Brunner bietet eine geerdete und doch filigrane Küche. Vom Saiblingscarpaccio mit Datteltomaten und Sojasprossen an einem tollen Olivenöl kann ich nur schwärmen (Fr. 19.-). Gelungen auch die Black-Tiger-Riesencrevette mit Bohnenragout an Estragonbutter (Fr. 19.-). Vom Crevettenfleisch bis zum Gewürz kommt alles gut zur Geltung. Ich würde sogar von einer Hommage an den Estragon sprechen: Nie hat mir ein Koch dieses Kräutchen näher gebracht. Währschaft dann der Hauptgang: Kalbsnuss-Roulade mit Safran-Wermut-Sabayon und luftigen Gemüsecrèpes (Fr. 46.-). An die cremige, kräftige Sauce muss ich mich erst gewöhnen, aber schliesslich überzeugt sie mich. Und als mir ein Nachservice angeboten wird, schlage ich nochmals auf der ganzen Linie zu. Eine herrlich ausfüllende Zeit.

